Seit mittlerweile 3 Wochen von ich mittlerweile in Tel Aviv, und es ist schon ein ganz anderes Leben. Be'er Sheva ist eine Wüstenstadt, wo nicht viel los ist und es auch wenig zu tun gibt. Das ist in Tel Aviv anders: Während man in Beer Sheva ueberlegte, an welcher Strasse weniger Autos fahren, neben denen man beim Joggen herlaufen und deren Abgase man einatmen möchte, stellt einen Tel Aviv vor die Wahl, ob man am Meer oder im Park neben dem Fluss joggen will. Mir gefällt die letztere Auswahl eindeutig besser - um zu verdeutlichen warum, zwei Eindrücke:


Und ich krieg auch mehr vom israelischen Leben mit.
Zum Beispiel bin ich mittlerweile fester Bestandteil der Tel Aviver Künstlerszene. Ok, mein Nachbar hat mich auf eine Ausstellung mitgenommen, bei der das Bier umsonst war. Also, das war nicht der Grund, aber ganz nützlich ;-) Angeblich DIE Galerie in Tel Aviv ist umgezogen und an dem Abend war die Eröffnungsveranstaltung in den neuen Räumlichkeiten. Drei Künstler haben Bilder ausgestellt, die hat sich keiner angeschaut (ausser mir natürlich). War mehr eine sozialisierende Veranstaltung. Aber ganz witzig, auch die Leute, die da rumspringen. Künstler halt. Auf der Veranstaltung erhielten wir noch den Tipp, auf die nächste Galerie zu gehen - die war edler, aber die Ausstellungsstücke noch stranger. Dafür lernte ich dort tatsächlich einen netten, jungen Künstler kennen, der ab und zu in Be'er Sheva ist, mit dem geh mer mal nen Kaffee trinken. Oder ein Bier, scheinen die Künstler ja zu mögen.
Außerdem war ich beim Qualifikationsspiel für die
Fussball-WM 2010 in Südafrika zwischen Israel und Griechenland. Nachdem Israel vor dem Spiel 2. in der Gruppe war mit nur einem Punkt Rückstand auf Griechenland, wurde das Match in Israel zum Spiel des Jahres erkoren. Dies auch deswegen, da Israel letztmals in den 70er Jahren an einem grossen Fussballturnier teilgenommen hat und sie dieses Mal aufgrund des Tabellenstands eine realistische Chance hatten. Für diese Umstände fand ich es erstaunlich, dass man eine Woche vorher noch problemlos eine Karte im offiziellen Vorverkauf erhielt - ich war noch nie bei einem Länderspiel der Nationalelf, aber ich glaube in Deutschland wäre das nicht so problemlos möglich. Und in Deutschland würde eine Karte auch nicht 80 Schekel (umgerechnet ca. 16 EUR) kosten... Dafür würden hinter dem offiziellen Vorverkaufsschalter höchstwahrscheinlich Leute sitzen, die des Englischen zumindest rudimentär mächtig sind - ich habe meine Karte mit Handzeichen erstanden. Also machte ich mich vergangenen Samstag zu Fuss auf den Weg ins
Stadion Ramat Gan, hier in Israel kann man solche Abendspaziergänge mittlerweile mit lediglich eine langem Pullover bekleidet machen... Die Strecke führte mich durch den oben bereits erwähnten
Yarkon Park, und während der ersten 75% des Wegs waren dort auch immer Leute unterwegs, spazierend, joggend, auf dem Fahrrad, wie auch immer. Dann aber wurde der Park breiter und ab diesem Punkt war ich de facto allein unterwegs. Nachdem mir 10 min lang niemand begegnet war und auch innerhalb der Sichtweite niemand auftauchte (zugegebenermassen war die Sichtweite aufgrund

der Dunkelheit eingeschränkt), machte ich mir langsam sorgen, ob ich auf einen Truppenübungsplatz gelandet war und demnächst die Panzer um mich rum auftauchen würden - denn das einzige sich bewegende menschliche Lebenszeichen war ein Hubschrauber der über dem Stadion kreiste. Aber es tauchten keine Panzer auf und beruhigend wirkte auch, dass in der Ferne die ganze Zeit die Flutlichter des Stadions zu sehen waren. So kam ich dann doch noch am Stadion an und suchte den Block, der auf meine Karte gedruckt war. Was jedoch im Vergleich zu deutschen Eindruckskarten fehlte (und was z.B. sogar auch der
FCA macht), waren Angaben zu Reihe und Sitz innnerhalb des Blocks. Als ich durch eine lange Betonröhre den Block betrat, merkte ich auch ziemlich schnell, wozu das führt: Die begehrten Blöcke sind hoffnungslos überfüllt - keine Chance auf einen Sitzplatz, wobei 45 min vor Spielbeginn eh niemand saß. Auch auf den Treppen stehen ging nicht - nicht weil einen da die Sicherheitskraefte entfernten, sondern weil die ebenfalls schon überfüllt waren. Also, Rückzug angetreten und einen etwas ruhigeren Block mit Sitzgelegenheit gesucht (nebenbei: Falls sich jemand vorhin über meine Bemerkung zum Abendspaziergang geärgert hat: Wenn man dann saß und der Wind pfiff, wars ar...kalt...). Da noch 30 min Zeit waren hatte ich ein wenig Zeit, mir das Stadion ein wenig anzuschauen: Ich glaube, Profifussball dürfte man in Deutschland in einem Stadion in diesem Zustand nicht spielen: Hinter den Sitzreihen ging es ungesichert 5 m eine steile Böschung hinab - einziger Halt waren ein paar Büsche sowie lose Betonblöcke, die man gut zum Werfen verwenden könnte. In Israel haben sie wohl was gegen Anstreicher (warum wohl?), deswegen ist hier vieles verrostet (für Insider: Da könnt mal wieder der Heinemann kommen) - so auch die Eisen- oder Stahlkonstruktion, auf der die Videoanzeigetafel montiert ist. Ich will mit derartigen Beschreibungen Israel nicht als rückständig hinstellen - aber hier findet man einfach sowohl hervorragend gepflegte Anlagen neben solchen, für die meine Beschreibung des Stadions hier steht. Das gilt auch für Häuser und Wohnungen - wobei allerdings Gebäude in unterschiedlichen Zuständen nicht etwas in unterschiedlichen Vierteln stehen - sie sind vielmehr in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander zu finden. Aber zurück zum Spiel: Auch bzgl. des Rahmenprogramms fehlt mir der Vergleich zu Spielen der deutschen Nationalmannschaft, aber ich denke, dass es hier in Israel deutlich nationalistischer zugeht. So wie in Häuserfenstern und an öffentlichen Orten dauerhaft eingerichtete israelische Flaggen
gang und gäbe sind (und das obwohl sie keine WM ausgerichtet haben), war das Vorprogramm auch durchgängig von israelischen Fahnen bestimmt. Mein Eindruck ist, dass die Israelis mit einer derartigen Betonung des Staates dessen Existenzrecht zu festigen suchen. Auf alle Fälle war die Stimmung vor dem Spiel typisch südländisch und dementsprechend war einiges los.
Folgendermassen stellte sich der Einzug der Mannschaften dar - so weit man was erkennen kann ;-)
Das Spiel war nicht überragend und endet meines Erachtens
gerecht 1:1. Witziger und zum Schluss nerviger waren die israelischen Zuschauer, die vor Begeisterung bereits jedes Mal von ihren Sitzen aufsprangen, wenn ein israelischer Spieler nur mit dem Ball die Mittellinie überschritt - auch wenn überhaupt noch keine sinnvolle Möglichkeit auf eine Torchance bestand (zumindest aus meiner pessimistischen deutschen Sichtweise). Allerdings muss ich zu ihrer Verteidigung sagen, dass ich mir 10 sek, bevor das israelische Tor fiel, dachte: "Schon wieder der (der rechte Mittelfeldspieler der Israelis war wirklich nix...), das wird nie was..." Am Mittwoch drauf war das nächste Spiel, dieses Mal in Griechenland - das verloren die Israelis und es sieht wieder düster aus mit der Qualifikation...
Den Heimweg trat ich ein wenig verfrüht an, was ich ansonsten eigentlich nie mache. Hoffentlich zählt das Spiel trotzdem noch zum
Ground Hopping. Da ich nicht nochmals eine dreiviertel Stunde laufen wollte, nahm ich mir ein Taxi. Allerdings haute mich der Taxifahrer über den Tisch (für Insider: bzw. zog mich hinters Ohr) - 60 Schekel für eine Strecke, die sonst 40 kostet - und es fuhren noch andere Leute mit, die ebenfalls zahlten. War aber wieder mal zu gutmütig... Auf alle Fälle ein interessanter Fussballabend.
[Exkurs zum Thema Fussball: Wollte nur auf die Diskussion um die Webseite Hartplatzhelden aufmerksam machen -
bildet Euch Eure eigene Meinung und vielleicht mag ja der eine oder die andere
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In diesem Sinne: Aus, aus, das Spiel ist aus, Deutschland ist Weltmeister!