Montag, 27. April 2009

Exkurs der Woche: Woche der Feiertage

Wahrscheinlich werd ich den Erzählrückstand nie aufholen, aber dennoch bring ich heute was aktuelles und erzähl was über den Gedenkmarathon, den die Israeli vergangene und diese Woche absolvieren.

Vergangene Woche war der jährliche Gedenktag an Holocaust, Jom haScho'a. Der Trauertag kündigte sich mir dadurch an, dass mir auf meinem Heimweg vom Bus die am Weg liegenden Restaurants mehrwürdig ruhig vorkamen - kein Wunder, sie waren auch geschlossen. Als dann auch der 24h-Supermarkt zu hatte, dachte ich kurzfristig daran, ob ich vielleicht eine Raketenwarnung o. ä. nicht gehoert hatte. Aber dann fiel mir ein, dass wir an der Uni ueber den Holocaust Memorial Day gesprochen hatten und brachte dann doch zwei und zwei zusammen (Exkurs am Rande: So ein 24h-Supermarkt sperrt ja normalerweise nie zu - die mussten dann tatsächlich einen Wachmann abstellen). In Radio und Fernsehen gibt es wohl auch hauptsaechlich Dokumentationen und beschauliche Musik. Lange Rede, kurzer Sinn: Am Vorabend eines israelischen Gedenktages gibt es keinerlei Unterhaltungsveranstaltungen und auch die Läden sind zu. Sämtlich. Am nächsten Morgen dann um 10.00 läuteten im ganzen Land die Sirenen. Für exakt zwei Minuten. Ansonsten machten dann aber auch die Geschaefte wieder auf und alles ging seinen gewohnten Gang.

Gestern war wieder so ein Abend, weil morgen wieder so ein Tag ist, nämlich der israelische Gedenktag für die Soldaten, Jom haZikaron. Abends fand auf dem Rabin Square eine Gedenkveranstaltung im Freien statt, die auch live im israelischen Fernsehen übertragen wurde (Den Platz hatte ich ja schon in meinem ersten Posting beschrieben - lang ist das schon wieder her). Eigentlich hatte ich nur vor, mich unters Fussvolk zu mischen und dem ganzen als Zaungast beizuwohnen. Aber gerade, als ich aus dem Haus ging, rief Nava mich an, sie und Ihr Mann Yossi hätten noch eine Einladung, die für einen Sitzplatz gelte und ich sollte mich melden, sobald ich am Platz bin. Und dann natürlich brach Hektik aus, den vorher häte es nicht viel ausgemacht, wenn ich ein paar Minuten zu spät gekommen wäre. Nun aber... Ich nahm also ein Taxi, allerdings fuhr es mich nicht bis ganz zum Platz, weil der Fahrer Angst hatte, dass er dann nicht mehr umdrehen kann (völliger Schwachsinn natürlich). Aber ich kam gerade zum offiziell geplanten Beginn rechtzeitig um 20.45 an den Platz. Nun musste ich noch an meine Karte kommen - Yossi wartete innerhalb des abgesperrten Bereihcs auf mich und drückte mir die Einladung in die Hand. Das sah einer der Kontrolleure und sie hatten mich auf dem Kieker - Yossi musste erst noch hart verhandeln, bis sie mich tatsaechlich hinein liessen. Aber dann ging es doch - und der Beginn der Veranstaltung liess noch einige Zeit auf sich warten. Hätte also die ganze Eile nicht gebraucht - typisch Deutscher in Israel halt ;-)

Die Zeremonie bestand im Wesentlichen aus drei Elementen, die sich abwechselten: Zum einen sprach ein Moderator, zum anderen wurden auf Leinwaenden Filme ueber Soldaten, die im Dienst der israelischen Armee Ihr Leben liessen, gezeigt. Zum dritten trugen - wohl namhafte - israelische KünstlerInnen ruhige, aber starke Lieder vor. Einige der Lieder wurden von den Soldaten, welche die Videos zeigten, geschrieben. Zwischen den einzelnen Teilen gab es keinen Applaus. Nur Stille.

Beim ersten Video hab ich mich noch ein wenig geärgert. Es ging über einen Soldaten, der beim letzten Gaza-Angriff fiel. Ich dachte: Und was ist mit den ueber 1400 Arabern, die ums Leben kamen? Wie kann man einem einzelnen israelischen Soldaten Gedenken, ohne ein Wort ueber die anderen verlorenen Menschenleben zu verlieren (wobei ich zugegebenermassen auch nicht alles verstand, die Veranstaltung war auf Hebraeisch: Vielleicht wurde auch etwas dazu gesagt). Wieso wird die Mutter dieses einzelnen befragt und die Muetter der anderen ums Leben gekommenen nicht? Wo sind die Bilder und Videos aus der Jugend der sonst Gefallenen, auf denen man sieht, dass es ganz normale Jungen waren?
Aber im Laufe der Veranstaltung bin ich dann drauf gekommen, dass jedem einzelnen Leben, das durch kriegerische Auseinandersetzungen frühzeitig beendet wird, gedacht werden sollte und - wie schreibt Robert Saviano in seinem Buch Gomorrha über einen seiner Gedanken: in seiner Einfacheit an Schwachsinn grenzend - Krieg an sich einfach scheisse ist. Und das, unabhängig welcher Nation oder welchem Volk der einzelne Tote angehört.
Die weiteren Videos zeigten dann noch immer deutlicher den ganzen Irrsinn verdeutlichen: Ein Junge war überzeugter Pazifist, trug lange Haare, Bombenleger (für Insider: Boygroup-Beidl) würde man bei uns sagen. Er hat dann auch den Wehrdienst verweigert. Aber nach einem Jahr hat er es sich anders überlegt und ging doch zur Armee. Und da verlor er dann sein Leben. Er schrieb eines der Lieder, welches gestern interpretiert wurde.
Ein anderes Video gint über einen Soldaten, der sich über eine scharfe Granate geworfen hat, um das Leben der Umstehenden zu retten.
Im nächsten Video wurden Bilder eines jungen Mannes gezeigt, der durch friendly fire (Beschuss der eigenen Truppen) ums Leben kam.
Noch ein Soldat kam bei einem Selbstmordanschlage durch Palästinenser ums Leben. Der Irrsinn: Er war selbst arabisch-stämmig.
Und zu schlechter Letzt kam im letzten Gazafeldzug ein Soldat ums Leben, dessen Vater an der Ben Gurion Universität - also da wo ich auch bin - Professor ist. Nava kannte den Professor und auch den Sohn: Der kam nämlich als Junge schon an die Uni in Vorlesungen, weil er ein kleines Mathegenie war. Und jetzt ist er tot.

Nur der erste und der letzte beschriebene Soldat kamen in der Operation Gegossenes Bleium. Die anderen Faelle waren davor. Das macht einem erst deutlich, dass Israel und seine Nachbarn seit Jahrzehnten in diesem Zustand leben.

Heute ist nun der offizielle Gedenktag. Gerade bei aelteren Israeli, die oftmals Angehoerige sowohl im Holocaust als auch in den Kriegen verloren haben, verursacht die Erinnerung danach - ja auch gewollt - eine depressive Stimmung hervor. Morgen ist dann dafuer Unabhaengigkeitstag - ab heute abend geht diesbzgl. die Party ab: Feuerwerke, Veranstaltungen, Jubelfeiern. Fuer die aelteren Israeli ist das natuerlich auch sehr passend... Und die Araber bezeichnen den israelischen Unabhängigkeitstag als Tag der Katastrophe - soviel zur Stimmung in dem Land...

In diesem Sinne: Sag mir, wo die Blumen sind...

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